Eine Welt auf Augenhöhe – Teil 1

Das Patriarchat – eine uralte Geschichte, die unsere Gegenwart prägt

Hast du jemals innegehalten und dich gefragt, warum unsere Welt noch immer so stark von Machtstrukturen geprägt ist, die Männer bevorzugen? Warum Frauen und andere strukturell benachteiligte Menschen noch immer um Gleichberechtigung und Gleichstellung kämpfen müssen – im Jahr 2025? Die Geschichte des Patriarchats ist keine abstrakte Theorie, sondern tief verwoben mit unserem Alltag: von den frühesten Zivilisationen bis zu den Debatten über Genderrollen, Equal-Pay und #MeToo. Es ist eine Erzählung von Unterdrückung, aber auch von Widerstand und Wandel.

Was ist das Patriarchat?
Das Patriarchat ist eine gesellschaftliche Ordnung, in der Männer systematisch mehr Macht, Besitz und Einfluss haben – über Frauen, Kinder, andere Männer. Es durchzieht Religionen, Rechtssysteme, Arbeitsmärkte, Bildung und Beziehungen – seit Jahrtausenden. Seine Spuren sind überall: von körperlicher und verbaler Gewalt über Sprache bis zur Lohnungleichheit.

Warum ist Gleichstellung immer noch ein Thema?
Warum verdienen Frauen im Jahr 2025 im Schnitt weniger als Männer?
Warum sprechen wir von „Väterrechten“ statt von Elternzeitverantwortung?
Warum stehen Millionen Frauen weltweit unter dem Recht ihrer Ehemänner – oder unter der Gewalt, die niemand verhindert?

Diese Serie will erklären, warum viele Probleme von heute kein Zufall sind – sondern System haben.
Ein System, das uralt ist. Das sich verändert hat, aber nie grundlegend aufgelöst wurde.
Ein System, das nicht nur Frauen betrifft – sondern uns alle. Männer, Kinder, Beziehungen, Wirtschaft, Demokratie.

Diese Serie ist kein Anklagetext gegen Männer.

Sondern ein Versuch, uns allen begreiflich zu machen, wie tief patriarchale Strukturen in unser Denken, Fühlen und Handeln eingebrannt sind. Und was wir tun können, um uns daraus zu befreien – gemeinsam.

Eine Welt auf Augenhöhe

Ich wollte nie schwach sein.
Schon als kleines Mädchen hatte ich diesen Satz in mir wie ein Mantra. Ich wollte stark sein. Geradestehen. Nicht jammern. Nicht klein beigeben. Niemandem zur Last fallen.

Ich erinnere mich, wie ich einmal schwer krank im Bett lag. Ich war kaum fähig zu sprechen, hatte hohes Fieber, aber als mein Vater ins Zimmer kam, setzte ich mich mühsam auf und sagte: „Ich bin okay.“
Ich war acht.

Damals verstand ich nicht, dass ich nicht einfach nur tapfer sein wollte. Ich hatte gelernt: Schwäche ist gefährlich. Wenn du schwach bist, wirst du abgewertet, beschämt, vielleicht sogar verlassen.
Stärke dagegen bedeutet Sicherheit. Kontrolle. Respekt.
Heute weiß ich: Diese Haltung kam nicht aus mir allein.

Sie war Teil einer Kultur, in der Stärke über allem steht – und Schwäche als weiblich, weich, wehrlos gilt. Einer Kultur, in der Mädchen früh lernen, sich anzupassen, schön zu sein, still zu sein. Und in der Jungen lernen, ihre Gefühle runterzuschlucken, „hart“ zu sein, keine Angst zu zeigen.

Schon als Kind spürte ich, dass mit der Gerechtigkeit etwas nicht stimmte. Ich wuchs in einem klassischen südwestdeutschen Lehrerhaushalt auf, in dem klar war, wie ein Mädchen zu sein hatte – und wie nicht. Doch ich passte einfach nicht in diese Schublade. Puppen interessierten mich nur, um herauszufinden, wie sie von innen aussahen. Die schicken Kleidchen, die meine Mutter liebevoll nähte, hatten keine Chance gegen meine Streifzüge durch Wälder und Wiesen. Während andere Mädchen lernten zu stricken, saß ich lieber mit Büchern auf Bäumen.

Konflikte waren vorprogrammiert. Doch meine Mutter hatte irgendwann genug vom ständigen Kampf mit mir – und kaufte mir eine knallrote, unverwüstliche Lederhose. Dazu gab es Chucks statt Ballerinas, und ich durfte sein, wie ich war. Trotzdem blieb die Frage:
Warum musste ich überhaupt kämpfen, um so sein zu dürfen, wie ich mich fühlte?

Auch die Jungs taten mir leid. Sie mussten stark sein, keine Schwäche zeigen, sich mit Fäusten behaupten. Wer diesem Bild nicht entsprach, wurde verspottet. Es war, als wären wir alle Gefangene eines Systems, das vorgab, wie wir zu sein hatten – unabhängig davon, ob das zu uns passte oder nicht.

Heute hat sich einiges verändert. Gesetzliche Ungleichheiten, die es zu meiner Zeit und besonders der meiner älteren Geschwister gab, sind weitgehend abgeschafft. Frauen müssen keine Erlaubnis mehr einholen, um arbeiten zu gehen. Sie können ein eigenes Konto eröffnen. Söhne sind nicht mehr automatisch Alleinerben. Auch Scheidungen verlaufen nicht mehr in demütigenden Szenarien.

Doch das ist nur die rechtliche Oberfläche.
In der gesellschaftlichen Realität klafft eine riesige Lücke zwischen dem, was sein könnte – und dem, was ist.

Warum können so viele Menschen – oft Männer – andere unterdrücken, kontrollieren oder sogar mit Gewalt überziehen, ohne dass sich daran grundlegend etwas ändert? Es erschüttert mich, wie viele Frauen und Kinder – aber auch Männer – ich in meinem Leben getroffen habe, die physischer, verbaler oder psychischer Gewalt, Missbrauch oder Mobbing ausgesetzt waren. Zu oft blieben die Opfer mit ihrem Leid allein, während die Täter ungeschoren davonkamen.

Selbst wenn sie zur Verantwortung gezogen wurden, war die Konsequenz oft ein bloßes „blaues Auge“. Auch in weniger dramatischen Fällen sind wir weit entfernt von echter Gleichberechtigung. Wenn es sie gäbe, bräuchten wir keine Quotenregelungen oder Equal-Pay-Days. Debatten über Gendern oder Ampelmännchen wären sinnlos.

Stattdessen erleben wir eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf veraltete Rollenbilder: Das kinderbringende Heimchen am Herd wird wieder als Ideal propagiert.

Ich wünsche uns eine Welt, in der Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht frei, gleich und ohne die Last jahrhundertealter Klischees leben können. Eine Welt, die wir hinterlassen können, ohne dass kommende Generationen noch um Gleichberechtigung kämpfen müssen.

Hinter all dem steckt ein kulturelles Konstrukt – eine jahrtausendealte Erfindung, die uns glauben machen wollte, die Dominanz der Männer sei „natürlich“ oder „gottgegeben“.
Doch das ist sie nicht.

Das Patriarchat ist keine unsichtbare Macht, die über uns schwebt wie ein Nebel.
Es ist greifbar: durchzogen von historischen Geschichten, politischen Entscheidungen, sozialen Normen und wirtschaftlichen Ungleichheiten.

Vor allem aber ist es von Menschen gemacht – und kann daher auch von Menschen verändert werden.

Ich schreibe, weil ich daran glaube, dass Aufklärung unser stärkstes Werkzeug ist. Dass wir Muster durchbrechen können, wenn wir sie erst einmal erkennen.

Es ist Zeit, alte Klischees zu hinterfragen, veraltete Strukturen aufzubrechen und endlich eine Gesellschaft zu gestalten, in der alle Menschen frei sein können.
Ich wünsche uns eine Welt auf Augenhöhe.

Patriarchat in einem Satz
„Ein unsichtbares System, das Macht mit Männlichkeit gleichsetzt – und alle anderen Formen von Menschsein abwertet.“